Leitartikel
Erst Atom aus. Jetzt Kohle länger?
Am 15. April 2023 wurden Deutschlands letzte drei Kernkraftwerke abgeschaltet. Drei Jahre später verschiebt das Wirtschaftsministerium die für Mitte August vorgesehene Zwischenprüfung des vorgezogenen Braunkohleausstiegs in Nordrhein-Westfalen. Der Grund: Die Ergebnisse der Ausschreibungen für neue steuerbare Gaskraftwerke sollen erst abgewartet werden.
Das ist mehr als eine Terminfrage. Der Bund kann prüfen, ob der Ausstieg 2030 die Versorgungssicherheit gefährdet. Im Raum steht, Braunkohleblöcke mit zusammen 3,6 Gigawatt bis Ende 2033 in einer Sicherheitsbereitschaft zu halten. RWE hält offiziell am Ausstieg 2030 fest und erklärt zugleich, ein Reservebetrieb wäre auf staatliche Anordnung möglich. Eine Entscheidung ist nicht gefallen.
Der Befund ist dennoch klar: Deutschland hat gesicherte Kernkraftkapazität beendet, bevor die nächste Generation steuerbarer Kraftwerke steht. Wind- und Solarleistung ist wichtig, ersetzt aber nicht eins zu eins jederzeit abrufbare Leistung. Die Bundesnetzagentur beziffert den Netzreservebedarf 2026/27 auf 7,4 Gigawatt; dieser könne nicht allein aus inländischen Reservekraftwerken gedeckt werden.
Auch die Klimabegründung verlangt Präzision. Carbon Leakage ist real, aber nicht automatisch eins zu eins. Eine OECD-Studie findet im verarbeitenden Gewerbe eine mediane Leakage-Rate von etwa 3 Prozent und einen Durchschnitt von 14 Prozent, bei hohen Risiken in einzelnen emissionsintensiven Branchen. Zugleich sanken Chinas energiebedingte CO₂-Emissionen 2025 laut IEA um rund 0,5 Prozent. Wer Klimapolitik glaubwürdig machen will, muss deshalb globale Wirkung, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit zusammen denken.
Die Konsequenz lautet nicht: Erneuerbare stoppen. Sie lautet: Ausstiege an belastbaren Ersatz koppeln. Neue steuerbare Kapazitäten, Netze und Speicher müssen nachweisbar verfügbar sein, bevor funktionierende Leistung verschwindet. Versorgungssicherheit ist keine Fußnote der Energiewende, sondern ihre Voraussetzung.