41 Prozent AfD, 24 Prozent CDU, 14 Prozent Linke und fünf Prozent SPD: So lautet die am 23. Juli veröffentlichte INSA-Umfrage für Sachsen-Anhalt. BSW, FDP und Grüne werden mit jeweils vier Prozent ausgewiesen. Zwei Monate vor der Landtagswahl ist das keine Vorhersage. Aber es ist eine Warnung, die sich nicht mehr als ostdeutsche Verstimmung abheften lässt.

Die Online-Befragung umfasst 1.000 Wahlberechtigte und lief vom 14. bis 21. Juli. Übliche Fehlertoleranzen von etwa ein bis drei Prozentpunkten gelten. Schon kleine Verschiebungen an der Fünf-Prozent-Hürde würden die Sitzverteilung stark verändern. Wer aus 41 Prozent bereits eine absolute Mehrheit macht, verfälscht die Zahl. Wer sie als bedeutungslose Momentaufnahme abtut, ebenfalls.

INSA-Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit AfD 41 Prozent und CDU 24 Prozent

Die Brandmauer ist keine Verfassungsnorm

Keine Partei ist verpflichtet, mit einer anderen zu koalieren. Koalitionsfreiheit gehört zur parlamentarischen Demokratie. Die AfD hat deshalb auch mit 41 Prozent keinen automatischen Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten. Eine Mehrheit der Befragten entscheidet sich weiterhin für andere Parteien.

Doch die Brandmauer ist weder Grundgesetz noch Naturgesetz. Sie ist eine politische Strategie. Ihr Versprechen lautet: Durch vollständige Ausgrenzung verliert die AfD an Attraktivität oder wird zumindest von Macht ferngehalten. In Sachsen-Anhalt ist der erste Teil offenkundig nicht eingetreten. Seit der Landtagswahl 2021 hätte sich der AfD-Anteil in dieser Umfrage von 20,8 auf 41 Prozent nahezu verdoppelt.

Eine Strategie, unter der die ausgegrenzte Partei sich verdoppelt, darf man gescheitert nennen.

Der zweite Teil – von Macht fernhalten – funktioniert nur noch um den Preis immer unwahrscheinlicherer Bündnisse. Nach der theoretischen Sitzverteilung von DAWUM käme ohne AfD nur eine Koalition aus CDU, Linken und SPD auf eine knappe Mehrheit. Das wäre rechtlich legitim. Politisch entstünde aber genau jener Eindruck, von dem die AfD lebt: Alle etablierten Parteien verbinden sich unabhängig von ihren Programmen, solange nur die stärkste Partei draußen bleibt.

Repräsentation ist mehr als Sitzverteilung

Demokratie erschöpft sich nicht darin, Stimmen korrekt in Mandate umzuwandeln. Bürger erwarten, dass ihre Themen in Entscheidungen vorkommen. Migration, innere Sicherheit, Energiepreise, ländliche Infrastruktur, Schule und die Erfahrung kultureller Entfremdung treiben viele AfD-Wähler um. Wer darauf ausschließlich mit moralischer Distanz reagiert, macht die Partei zur einzigen Adresse für Protest.

Das bedeutet nicht, jede Forderung zu übernehmen. Es bedeutet, Anträge nach Inhalt statt Absender zu bewerten, in Ausschüssen normale parlamentarische Verfahren zuzulassen und dort, wo Verfassungsgrenzen berührt werden, konkret zu widersprechen. Pauschale Ausgrenzung spart zwar die Auseinandersetzung. Sie überlässt der AfD aber die Rolle der einzigen Opposition gegen ein geschlossenes Kartell.

Gerade die CDU steckt in einem strategischen Widerspruch. Je stärker sie eine Zusammenarbeit nach rechts ausschließt, desto stärker ist sie auf Parteien links von sich angewiesen. Damit kann sie konservative Wähler kaum zurückgewinnen. Sie verspricht eine bürgerliche Wende und produziert rechnerisch eine Koalition mit der Linken.

Auch die AfD trägt Verantwortung

Eine Partei mit 41 Prozent kann sich nicht dauerhaft als machtloses Opfer darstellen. Wer regieren will, muss Personal, Programm und Sprache so führen, dass Kooperation möglich wird. Provokation erzeugt Aufmerksamkeit, aber keine stabile Verwaltung. Radikale Nebenforderungen, persönliche Entgleisungen und unklare Positionen zur außenpolitischen Bindung Deutschlands liefern Gegnern reale Gründe für Distanz.

Die Verantwortung liegt deshalb auf beiden Seiten. Die anderen Parteien müssen anerkennen, dass Millionen Wähler nicht durch Belehrung verschwinden. Die AfD muss zeigen, dass sie mehr sein kann als das wirksamste Instrument gegen den alten Politikbetrieb. Regierungsfähigkeit verlangt Disziplin.

Der 6. September entscheidet

Am 6. September wird gewählt. Bis dahin kann sich viel verändern. Eine Umfrage ist eine Aufnahme politischer Stimmung, kein Ergebniszettel. Aber 41 Prozent sind groß genug, um die Grundfrage zu stellen: Dient die Brandmauer noch der Demokratie – oder inzwischen vor allem der Selbstbestätigung jener Parteien, die hinter ihr immer kleiner werden?

Der richtige Umgang ist weder Anbiederung noch Verbotssehnsucht. Es ist politische Konkurrenz. Wer die AfD schlagen will, muss bei Sicherheit, Migration, Wirtschaft und kultureller Orientierung überzeugender handeln. Eine Mauer ersetzt kein Angebot.

Quellen

  1. DAWUM: INSA-Umfrage Sachsen-Anhalt vom 23. Juli 2026, einschließlich Methode, Feldzeit und theoretischer Sitzverteilung.
  2. FOCUS: Auftraggeber und Veröffentlichung der INSA-Umfrage, 23. Juli 2026.
  3. Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: amtliches Landtagswahlergebnis 2021.

Methodik: Umfragen messen aktuelle Wahlabsichten mit statistischer Unsicherheit. Sie sind keine Prognosen und keine Wahlergebnisse.